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Freitag, 13. Januar 2012

Andrea Maria Schenkel, „Tannöd“

192 Seiten, Taschenbuch
Verlag btb TB in der Verlagsgruppe Random House GmbH, München 2008
ISBN 978-3-442-73673-7
gelesen vom 23.12.2011 bis 13.01.2012
Empfehlung zufriedenstellend (3-)
Zusammenfassung: 

Die Bewohner eines einsam gelegenen Hofes werden erschlagen aufgefunden. Eigenbrödler sollen die Danners gewesen sein, bauernschlau und geizig. Nun wurde die ganze Familie in einer Nacht ausgelöscht, mit der Spitzhacke geradezu niedergemetzelt. Die einzelnen Dorfbewohner berichten, jeder hat eine eigene Version des Geschehens. Nach und nach erfährt der Leser die Hintergründe einer Tragödie, die auf einem wahren Fall beruht.

Kritik:

Das Erstlingswerk von Andrea Maria Schenkel wurde mehrfach ausgezeichnet (u.a. Friedrich-Glauser-Preis). Die Geschichte handelt von den eigenbrödlerischen Danners auf ihrem Einödhof Tannöd. Das Buch erzählt, wie den Dorfbewohnern nach und nach aufgefallen ist, dass irgendwas nicht stimmt, bis sie ihre Leichen finden. Jeder erzählt seine eigene Version. Dieser neuartige Ansatz eines Romans ist bewunderswert, doch gleichzeitig birgt er auch Risiken.

Viele Details werden immer wieder wiederholt, weil mehrere Dorfbewohner sie erwähnen. Auch kommt jeder Dorfbewohner jeweils nur einmal zu Wort und da er nicht genau da weitererzählt, wo der Vorerzähler aufgehört hat, ist der Zeitstrahl nicht stringent. Der Leser hüpft also dauernd auf dem Zeitstrahl hin und her. Meist kann man jedoch mühelos folgen, auch wenn ein fließender Erzählfluss etwas ganz anderes ist!

Zwischen den Dorfbewohnerschilderungen folgt ein üblicher Erzähltext, der die Handlung vorantreibt, dann wieder kommt eine kurze Episode aus der Sicht des Mörders. Die Schilderungen sind teilweise in leichter bayrischer Mundart.

Obwohl von der Buchrückenankündigung her der Mord selbst erst kurz vor Schluss der Erzählung stattfindet und ich eigentlich einen völlig anders aufgebauten Spannungsfaden erwartet habe, wird die Spannung durchgehend gehalten. Handwerklich sehr gut gemacht – für eine Hausfrau ;-) …

Am Ende wird, anders als beim zugrundeliegenden Tatsachenbericht, der Mörder enttarnt. Das Ende ist knapp, aber gut ausformuliert.

Fazit: Ich teile nicht die ganz große Begeisterung, aber dieser spannende Krimi für kurzweilige Stunden ist allemal gelungen! (sth, 13.01.2012)

Donnerstag, 15. Dezember 2011

Anne Holt, „Was niemals geschah“

17 Kapitel, 432 Seiten, Hardcover
Verlag Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Augsburg 2007
ISBN 978-3-8289-8881-1
Original-Titel Det som aldri skjer
Original-Verlag Pantagruel Forlag AS, Oslo 2004
Übersetzerin Gabriele Haefs
gelesen vom 13.07.2011 bis 10.12.2011
Empfehlung ausreichend (4-)
Zusammenfassung: 

Kommissar Yngvar Stubø bekommt es mit einem perfiden Promi-Killer zu tun: erst muss Talkmasterin Fiona Helle dran glauben, dann wird die Politikerin Vibeke Heinerback ermordet und es folgende weitere bekannte Persönlichkeiten. Die Taten sind symbolträchtig: Helles Zunge wurde gespalten und abgetrennt, Heinerback wurde gekreuzigt und eine Ausgabe des Korans liegt zwischen ihren Beinen. Klar, das Stubø seine Lebensgefährtin, die Psychologin und Profilerin Inger Johanne Vik, um Rat fragt. Sie erinnert sich an eine Vorlesung vor 13 Jahre: Damals waren es fünf Morde. Gibt es einen Nachahmungstäter? Aber was ist das Motiv? Morde ohne Motiv seien nahezu perfekt, weil sie durch die klassische Polizeiermittlungsarbeit kaum aufzuklären seien, meint Inger Johanne. Stubø will ihr das Gegenteil beweisen.

Kritik:

Dieses Buch ist ein typisches Beispiel dafür, wie man eine gute Story durch mangelndes Handwerkskönnen kaputt machen kann. Der Anfang ist so schwerfällig, dass man kaum reinkommt. Packende Erzählweise ist etwas anderes. Nach einem mittelmäßigen Mittelteil ist der Schluss enttäuschend.

Da der Autorin zu der „packenden Story“ nicht genügend eingefallen ist, unterbricht sie die Handlung immer wieder durch ellenlange Personenbeschreibungen und ausschweifenden Szenen im Privatleben von Stubø und Inger Johanne. Zur Charakterisierung der Figuren ist das sicherlich nützlich, im Gesamten aber arg übertrieben. Manchmal ist weniger eben doch mehr.

Wie es sich für einen ordentlichen Krimi gehört, gibt es auch hier genügend falsche Spuren, persönliche Dramen und ein nicht allzu eindeutiger Gewinner im Kampf Gut gegen Böse. Wenigstens das hat Anne Holt berücksichtigt.

Sprachlich gibt es an Satzbau, Schreibweise und den Formulierungen nichts zu meckern, die Übersetzung liest sich meistens flüssig.

Aber vielleicht ist mir das Buch mit Story und Aufbau dennoch zu norwegisch, zu skandinavisch. Ich jedenfalls verstehe es nicht. Mit dem Ende bin ich überhaupt nicht einverstanden; zumal er wieder mal eines der abrupten Enden ist, von dem die Autorin scheinbar überrascht wurde, dass sie plötzlich nur noch 20 Seiten für das Ende übrig haben würde.

Fazit:

Nur für hartgesottene Norwegen- und Anne-Holt-Fans zu empfehlen … (sth, 14.12.2011)

Dienstag, 12. Juli 2011

Derek Haas, „Killer“

16 Kapitel, 254 Seiten, Taschenbuch
Verlag Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 2009
ISBN 978-3-548-26943-6
Original-Titel The Silver Bear
Original-Verlag Pegasus Books LLC, New York 2008
Übersetzerin Marlies Ruß
gelesen vom 17.05.2011 bis 10.07.2011
Empfehlung ausreichend (4+)
Zusammenfassung: 

Columbus ist ein Auftragskiller – einer der besten. Doch sein nächster Auftrag verlangt viel von ihm ab: Er soll seinen eigenen Vater, den Kongressabgeordneten Abé Mann, töten. Wurde er mit Absicht ausgewählt? Unwahrscheinlich, schließlich kennt doch niemand seine Herkunft. Er nimmt den Auftrag an, lässt sich Zusatzinformationen beschaffen … und von da an läuft nichts mehr wie geplant. Er wird knallhart mit seiner Vergangenheit konfrontiert und seine Professionalität geht ihm verloren. Er muss herbe Verluste hinnehmen – kann er den Auftrag überhaupt erfolgreich zu Ende führen?

Kritik:

Was sich auf dem Buchrücktext noch so spannend anhört, verliert gleich auf der ersten Seite stark an Charme. Der Anfang ist zu schwerfällig. Derek Haas verliert sich in Gedanken und die kaum vorhanden Action erstirbt – so kommt man nicht gut in den „Thriller“. Den Dialog vom Anfang erzählt Haas regelrecht auseinander, die Erzählung stockt gewissermaßen; der Autor hätte locker auf das komplette erste Kapitel verzichten können!

Nach dem nicht gelungenen Anfang fügt sich nahtlos ein mittelmäßiger Mittelteil an: Da die tatsächliche Handlung nicht für einen umfangreichen Roman ausreicht, behilft sich Haas mit Einschüben aus der Vergangenheit, in der viel, allzu viel, aus Columbus’ früherem Leben und seinen Anfängen als Killer erklärt wird. Die Informationen wären nicht alle nötig gewesen. Vor allem fehlt der Erzählfluss. Ständig wird zwischen Vergangenheit und Gegenwart sinnlos hin und her gewechselt. Nichts wird richtig zu Ende erzählt, vielmehr muss sich der Leser die richtige chronologische Reihenfolge der Ereignisse mühsam zusammenpuzzeln. Mit Gliederungen und Datumsangaben über Abschnitten wäre der Roman strukturierter und der Leser wäre manchmal nicht so orientierungslos.

Das Ende enttäuscht. Es strotzt vor Ideenlosigkeit und wirkt unglaublich unglaubwürdig. Der gesamte Roman lebt von der Planmäßigkeit und -genauigkeit, die Columbus als Killer so eigen ist, und das Ende ist so durch und durch ungeplant, zufällig, so dahin erzählt. Außerdem ist es zu kurz, zu knapp beschrieben. Die Wendung, die die Handlung nimmt, klingt wie aus einem schlechten Groschenroman, so gestellt. Es schließt sich ein kurzer Epilog an, der uns auch nichts mitteilt. Hatte Haas am Ende selbst keine Lust mehr auf seinen Roman?

Die Figuren sind plastisch, lebensnah beschrieben, wenn auch ein bisschen arg schwarz und weiß. Vielschichtigkeit der Persönlichkeit fehlt den Charakteren. Das liegt aber vielleicht am Milieu und Gewerbe des Plots.

Der Ich-Erzähler erzählt in der Vergangenheit und im Präsens, je nach Erzählabsicht. Der Präsens hebt die Echtheit der Geschichte und das Gefühl des Lesers, quasi „live“ dabei zu sein, hervor! Allerdings erklärt uns der Ich-Erzähler immer wieder die Gedanken der anderen Figuren, was er ja gar nicht wissen kann. Derek Haas hat also für sich die falsche Erzählperspektive gewählt!

Der Spannungsbogen wird leider auch mehr nur so auf dem unteren Level gehalten. Die meisten Fragen, die sich der Leser stellt, werden viel zu schnell beantwortet. Zwar will man schon weiterlesen, weil man wissen will, wie es ausgeht, aber eben auch nur so wie man bei einem seichten Familiendrama erfahren möchte, ob die Hauptfiguren zusammenfinden oder nicht.

Fazit:

Keine absolute Empfehlung, aber für amüsante Lesestunden ist dieser Thriller durchaus geeignet! Auch wenn es an der einen oder anderen Stelle durchaus Verbesserungsbedarf gibt … (sth, 12.07.2011)

Dienstag, 17. Mai 2011

Tania Carver, „Entrissen“

86 Kapitel, 490 Seiten, Taschenbuch
Verlag List Verlag (in der Ullstein Buchverlage GmbH), Berlin 2010
ISBN 978-3-471-35034-8
Original-Titel The Surrogate
Original-Verlag Sphere, Little Brown, London 2009
Übersetzerin Sybille Uplegger
gelesen vom 02.05.2011 bis 15.05.2011
Empfehlung sehr gut (1-)
Zusammenfassung: 

Ein Serienmörder tötet schwangere Frauen und stiehlt die Babys. Colchester lebt in Angst und Schrecken, auch der Polizei, allen voran dem verantwortlichen Detective Inspector Phil Brennan, und der Profilerin Marina Esposito fällt die Arbeit schwer. Schnell ist mit dem Exfreund des letzten Opfers, Ryan Brotherton, ein Verdächtiger gefunden. Doch die Beweiskette ist nicht lückenlos. Als dann noch die Beziehung zwischen Polizist Clayton Thompson und der Sekretärin und aktuellen Freundin Brothertons, Sophie Gale, bekannt wird, nimmt der Fall eine unerwartete Wendung. Die Situation eskaliert. Dass Sophie mehr weiß, als es zunächst den Anschein hat, wird einigen zum Verhängnis. Denn auch Marina Esposito ist schwanger und der Mörder hat es auf sie abgesehen … Erst durch harte Ermittlungsarbeit kommt die ganze Tragödie dahinter zum Vorschein, als es schon fast zu spät ist.

Kritik:

Welch ein fulminantes Debüt! Tania Carver kann zu Recht stolz auf ihr Erstlingswerk sein. Die Autorin hat eine geniale Story mit einer gruseligen Idee meisterhaft verwoben – bis kurz vor Ende ist nicht klar, wer’s war.

Mit den Ermittlern hat sie sympathische Protagonisten erschaffen – und auch die Antagonisten sind ihr gelungen, teilweise empfindet man sogar Mitleid mit ihnen. Die Motivationen aller Handlungen sind immer plausibel erklärt.

Leider gibt es doch ein paar Anfängerfehler zu bemäkeln. Die Erzählperspektive soll personal sein, allerdings wird teilweise doch wieder aus Sicht einer anderen Person erzählt als der aktuellen Erzählfigur. Beispiel von S. 55:

[Marina] fragte sich, wie die anderen Frauen im Kurs sie wohl wahrgenommen hatten. Sie hatte dunkle Haare, dank chemischer Unterstützung ohne eine Spur von Grau. Ihr Gesicht war fein geschnitten und jugendlich für eine Sechsunsdreißigjährige, wenngleich Stress und Kummer durchaus ihre Spuren hinterlassen hatten. Den Knochenbau verdankte sie ihrer italienischen Abstammung, für Stress und Kummer hatte sie selbst gesorgt. […]

Der Leser bekommt das Gefühl, dass hier auf Biegen und Brechen Informationen um der Information willen untergebracht worden sind, die an dieser Stelle gar nicht nötig gewesen, geschweige denn von der Erzählfigur so zum Ausdruck gebracht worden wären.

Generell macht Carver den Fehler, dem Leser am Anfang zu viele Hintergrundinfos mitgeben zu wollen, die, später untergebracht, den Erzählfluss erheblich weniger gestört hätten. Sie macht zu Beginn zu häufig Gebrauch von Rückblenden und Erklärungen. Dafür hastet sie am Ende ein wenig zu schnell durch die Ereignisse. Hier hätte ich mir eine etwas ausführlichere Darstellung gewünscht. Insgesamt sind alle Informationen, die der Leser zum Begreifen der Zusammenhänge, doch recht gut verteilt und es bleiben durchgängig jeweils genügend Fragen offen, um den Leser ununterbrochen bei der Stange zu halten.

Fazit:

Man kann diesen schaurig-schönen Thriller eigentlich gar nicht aus der Hand legen. Aufgrund der Thematik kann ich dieses Meisterwerk an Spannung außer Schwangeren und frisch gebackenen Eltern nur jedem wärmstens empfehlen! (sth, 17.05.2011)

Montag, 2. Mai 2011

P. J. Tracy, „Spiel unter Freunden“

49 Kapitel, 393 Seiten, Taschenbuch
Verlag Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 2004
ISBN 978-3-499-23821-5
Original-Titel Monkeewrench
Original-Verlag G. P. Putnam’s, New York 2003
Übersetzerin Teja Schwaner
gelesen vom 20.09.2010 bis 01.05.2011
Empfehlung befriedigend (3+)
Zusammenfassung: 

Sheriff Halloran aus Calumet, einer verschlafenen Kleinstadt in Wisconsin, staunt nicht schlecht, als ein altes, homosexuellenfeindliches Ehepaar erschossen in der Kirche aufgefunden wird. Zur gleichen Zeit lässt ein Serienmörder in Minneapolis, Minnesota, das Online-Serienmörder-Fang-Spiel »Monkeewrench« grausame Wirklichkeit werden, indem er die Morde aus dem Spiel Level für Level detailgetreu umsetzt. Die Detectives Leo Magozzi und Gino Rolseth haben gleich die fünf Partner der Firma, die das Spiel entwickelt hat, unter Verdacht. Obwohl die Partner mehr oder weniger gut kooperieren und auch eine Liste aller registrierten Spieler bereit stellt, kann die Polizei die nächsten Morde nicht verhindern. Erst sehr allmählich entdecken die Ermittler die Hintergründe der Morde, das Geheimnis der Partner und die Gemeinsamkeiten zwischen dem getöteten Ehepaar und den Serienmorden.

Kritik:

Spannendes Debüt des Tochter-Mutter-Duos Patricia Jean und Traci TeAmo Lambrecht alias »P. J. Tracy«. Die einzelnen Figuren sind gut ausgearbeitet, man hat von allen beteiligten Personen ein lebendiges Bild vor Augen; die Geschichte lebt auch von den Charakteren. Immer wieder zeigen die Ermittler und Verdächtigen menschliche Züge, die sie sympathisch machen.

Der Erzählstil ist flüssig, kleine Längen schaden dem Erzählfluss kaum. Man ist ständig gespannt darauf, wie es weitergeht und vor allem wie die vielen kleinen Erzählfäden untereinander zusammenhängen. Hätte ich nicht annähernd parallel mit meinem Studium angefangen, hätte ich diese spannende Meisterwerk viel schneller fertig gelesen!

Die Übersetzerin hat meistens gute Arbeit geleistet. Insgesamt gefällt mir der Erzählstil gut, da jeder Perspektivwechsel eindeutig gekennzeichnet ist. Der personale Er-Erzähler berichtet meistens aus einer der drei Sichten von Sheriff Halloran, den Detectives Magozzi/Rolseth oder der hauptverdächtigten Monkeewrench-Partnerin Grace MacBride. Der Spannungsbogen wird gut gehalten, da mit jeder Beantwortung einer Frage neue Fragen auftauchen – bis zum Schluss, der etwas kurz ausgefallen ist und der noch ein wenig ausführlicher auf die Auflösung der Fälle eingehen dürfte. Die Idee ist insgesamt gesehen genial und ebenso genial umgesetzt.

Fazit:

Spannendes Thema, gut erzählt, sympathische Charaktere – ich kann die Fortsetzung kaum erwarten! (sth, 02.05.2011)